{"id":80,"date":"2019-09-29T15:26:09","date_gmt":"2019-09-29T15:26:09","guid":{"rendered":"http:\/\/bedismus.de\/?p=80"},"modified":"2019-10-14T11:20:54","modified_gmt":"2019-10-14T11:20:54","slug":"hamburg-deine-fuesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bedismus.de\/?p=80","title":{"rendered":"Hamburg, Deine F\u00fc\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p>Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da kriecht in einen die Verzweiflung. Und dann ist es soweit: Man wirft sich wieder auf den Markt der Singles \u2013 bereit sich optimal zu pr\u00e4sentieren, f\u00fcr sich zu werben und Reklamationen f\u00fcr sich zu beanspruchen.<\/p>\n<p>Doch diese Verzweiflung motiviert nicht nur, es dann doch noch einmal zu probieren. Sie saugt dich gleichzeitig aus. Sie saugt all Deine Hoffnung aus, das da noch einmal jemand kommt, der Dein Herz ber\u00fchrt, der liebt und nett und intelligent ist. Der lustig ist, vielleicht auch ein wenig verr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Das Tragische ist, dass die meisten tats\u00e4chlich verr\u00fcckt sind. Aber nicht im positiven Sinne. Sie sind schlichtweg Psychopathen. Und dann hast Du irgendwann keinen Mund in Deinem Gesicht, der z\u00e4rtlich oder auch wild oder auch im Wechsel sich auf Deinen Mund presst, umspielt, leckt \u2013 dann hast Du F\u00fc\u00dfe an Deinem Gesicht und die Frage in Deinem Gehirn: Was um Himmels Willen passiert hier gerade und wer ist daf\u00fcr verantwortlich? Der liebe Gott, irgendwelche Himmelsk\u00f6rper oder doch \u2013 und das ist immer die bitterste Pille, die man schlucken kann und auch muss \u2013 man selbst.<\/p>\n<p>Es war die Zeit, als ich dachte, alle normalen Wege seien gegangen worden und ich m\u00fcsste jetzt schlichtweg Geld daf\u00fcr bezahlen, um einen Mann kennenzulernen.<\/p>\n<p>Also Computer an, Datingseite aufrufen, klicken, registrieren und los ging es.\u00a0 Mit absoluter Match-Garantie wie das Portal wirbt. Da kann ja quasi nichts schief gehen, dachte ich. Neun Monate sollte der Spa\u00df dauern.<\/p>\n<p>Zwei Dates gab es genau, eines davon in Hamburg. Das ist zwar mehr als 400 Kilometer entfernt, aber warum eigentlich nicht. Was hatte ich schon zu verlieren. Rein gar nichts, au\u00dfer Erinnerungen an etliche Vollpfosten, die ich bis dato gedatet hatte. Es konnte nur besser werden.<\/p>\n<p>Mit dem Typen in der Hansestadt war es ein es toller Chat. Thomas sein Name. Die Zeilen, die er schrieb, schienen intelligent, lieb, lustig \u2013 und manchmal wurde es auch hei\u00df. Aber immer gerade so, dass noch der Anstand gewahrt blieb. Keine Nudes, keine Dickpics \u2013 einfach nur v\u00f6llig normale Bilder in Klamotten. Nach Monaten des Schreibens dann die Verabredung.<\/p>\n<p>Der Zug fuhr in den Hamburger Bahnhof ein, vorher hatten wir noch einmal telefoniert, um genau auszumachen, an welcher Haltestelle ich aussteigen sollte. P\u00fcnktlich kam ich an. Ich stieg aus, aber von Thomas war weit und breit nichts zu sehen. Da stand ich nun mit meinem kleinen Koffer, der Kopf reckte sich \u00fcber die anderen Fahrg\u00e4ste, die in Richtung Ausgang str\u00f6mten. Aber immer noch: Kein Thomas in Sicht. Langsam stieg Nervosit\u00e4t in mir hoch. Ich rief ihn an.<\/p>\n<p>\u201eHallo, ich bin es noch einmal. Ich bin angekommen. Ich sehe Dich aber nicht. Wo bist Du?\u201c<\/p>\n<p>\u201eKomm mal raus aus dem Bahnhof. Ich bin doch nicht so bl\u00f6d, steh auf dem Bahnsteig und hol Dich da ab. Das ist doch romantischer Schei\u00df. Ich steh vor dem Hauptausgang mit meinem Auto.\u201c<\/p>\n<p>Aufgelegt.<\/p>\n<p>Mein Arm mit dem Handy in der Hand glitt langsam runter und in meinem Bauch braute sich ein ungutes Gef\u00fchl zusammen. Wird schon, sagte mir mein Kopf. Jetzt geh mal raus und sei nicht immer so empfindlich.<\/p>\n<p>Da stand er nahe des \u00a0Eingangs mit seinem Wagen. Er winkte mir zu, ich solle einsteigen.<\/p>\n<p>Da sa\u00df ich nun, bei diesem fremden Mann, mit dem ich wochenlang gechattet hatte. Der dabei zugewandt, interessiert lustig und sexy wirkte. Mit dem ich auch telefoniert hatte, weil ich wissen, wollte, wie er klingt und ob der Eindruck aus dem Chat sich auch dann best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Aber was sich dann w\u00e4hrend meines Aufenthalts best\u00e4tigte, war etwas ganz anderes: Dass ich es mit einem absoluten Narzissten zu tun hatte, in dessen F\u00e4nge ich geraten war, aus denen ich mindestens bis zum n\u00e4chsten Morgen nicht mehr rauskam. Klar h\u00e4tte ich nach einigen Stunden einfach nach Hause fahren konnte.\u00a0 Aber man gibt sich dann der Hoffnung hin, denkt, dies sei nur eine Momentaufnahme \u2013 jeder hat ja mal einen schlechten Tag. Oder Stunden, oder Minuten.<\/p>\n<p>Thomas dachte sich dies nicht. Er redete viel von sich, eigentlich nur von sich. Und dass er so erfolgreich ist, und dass er so verdammt viel Gl\u00fcck hat in seinem Leben, und dass er es sich gut gehen lassen will. Und das Hamburg ihn so gl\u00fccklich macht und er nat\u00fcrlich auch Hamburg, weil er hier so viel erlebt und Karriere machen kann und daher ja auch etwas der Stadt zur\u00fcckgibt. Er war einfach der Supermann\u00a0 &#8211; so seine Logik. Der Tag verging, am Ende von Spazierg\u00e4ngen, Autofahrten, Shoppingtour und Abendessen brummte mir einfach nur der Kopf vor lauter Monologe, die auf mich einprasselten.<\/p>\n<p>Dass es sich bei dieser Geschichte um einen hoffnungslosen Fall handelte, best\u00e4tigte sich sp\u00e4testens als ich ins Bett gehen wollte \u2013 in dieser unglaublichen Wohnung, die so steril wirkte, dass Kenner der Filmszene h\u00e4tten denken k\u00f6nnen, gleich kommt Christian Bale um die Ecke mit einer Motors\u00e4ge\u00a0 und spielt American Psycho. In diesem Fall war es HH-Psycho.<\/p>\n<p>\u201eIch geh dann mal ins Bett\u201c, sagte ich. \u201eAlles klar\u201c, murmelte dieser Kerl auf dem Sofa, der vorher 30 Minuten ferngeschaut hatte, ohne zu fragen, wie es mir geht, ein Getr\u00e4nk anzubieten oder \u00e4hnliches, was vielleicht darauf h\u00e4tte schlie\u00dfen k\u00f6nnen, dass ich sein Gast bin.<\/p>\n<p>Ich machte mich auf den Weg ins Bad, putze Z\u00e4hne und Gesicht und legte mich ins Bett. Ja, genau dorthin, denn ich wusste ja nicht, wo mein Platz in dieser Wohnung sein sollte. Kein Wort dar\u00fcber, wo ich schlafen sollte, was meine Seite sein sollte oder \u00e4hnliches. Also legte ich mich in dieses riesengro\u00dfe \u00a0Bett und dachte nach.<\/p>\n<p>Was ist das hier?<\/p>\n<p>Ist das gruselig oder in Ordnung?<\/p>\n<p>Was ist mit diesem Mann?<\/p>\n<p>Ich machte die Augen zu und versuchte zu schlafen.<\/p>\n<p>Doch dann h\u00f6rte ich, wie der Fernseher ausgeschaltet wurde, Schritte \u2013 dann kam er ins Schlafzimmer, setzte sich auf die Bettkante, legte sich ab. Aber mit dem Kopf in Richtung Fu\u00dfende. Der Mann, der mit Monate Honig ums Maul geschmiert hatte, mit dem Ich telefoniert hatte, der intelligent und anst\u00e4ndig erschien \u2013 ja, genau dieser Kerl, hielt jetzt seine F\u00fc\u00dfe an meinen Kopf. Selten schl\u00e4ft man mit so viel Dem\u00fctigung wie in diesem Moment. Aber ich schlief ein und hoffte darauf, dass das nur ein schlechter Traum war.<\/p>\n<p>Der endete am n\u00e4chsten Morgen mit einem schnellen Kaffee und noch schnelleren Abschied meinerseits. Ich eilte Richtung Hauptbahnhof. Der ICE schien der sichere Ort zu sein. Der Zug rollte an, ich verlie\u00df Hamburg, diese sch\u00f6ne Stadt, atmete auf.<\/p>\n<p>Ping Ping \u2013 das WhatsApp Signal riss mich aus den Gedanken. Eine Nachricht. Thomas schrieb.<\/p>\n<p>\u201eDanke f\u00fcr den Tag und die gemeinsame Zeit, war sch\u00f6n mit Dir.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da kriecht in einen die Verzweiflung. Und dann ist es soweit: Man wirft sich wieder auf den Markt der Singles \u2013 bereit sich optimal zu pr\u00e4sentieren, f\u00fcr sich zu werben und Reklamationen f\u00fcr sich zu beanspruchen. Doch diese Verzweiflung motiviert nicht nur, es dann doch noch einmal zu probieren. 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