{"id":76,"date":"2019-06-30T14:12:09","date_gmt":"2019-06-30T14:12:09","guid":{"rendered":"http:\/\/bedismus.de\/?p=76"},"modified":"2019-06-30T14:12:09","modified_gmt":"2019-06-30T14:12:09","slug":"penne-statt-hollywood-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bedismus.de\/?p=76","title":{"rendered":"Penne statt Hollywood-Liebe"},"content":{"rendered":"<p>Es sind doch immer die ganz gro\u00dfen Gef\u00fchle, die einem \u00fcberkommen, wenn man ein Gest\u00e4ndnis macht. Wenn man die Wahrheit sagt, wenn man sich traut, die Scham zu \u00fcberwinden. So ist das im Film doch meistens. Und dann gibt es eine Vers\u00f6hnung, N\u00e4he oder Sex, w\u00e4hrend die Bitterkeitstr\u00e4nen noch trocknen.<\/p>\n<p>Der eine sagt dem anderen die Wahrheit, \u00f6ffnet sich, gesteht Zuneigung und der andere ist so ger\u00fchrt, dass er dem Reum\u00fctigen um den Hals f\u00e4llt. Aber Jonas war kein Hollywoodschauspieler und ich auch nicht.<\/p>\n<p>Was war das f\u00fcr ein Abend in K\u00f6ln. Ich hatte getanzt, getrunken, alles war gut. Anne hatte mich mit in den Club geschleppt, eine Art Halle, in der Musik aus den 80ern und 90ern lief. Es f\u00fchlte sich an wie die Abiturfeier, die aber jetzt auch schon mehr als 15 Jahre zur\u00fcck lag.<\/p>\n<p>Als der Abend zu Ende war, Anne und ich unsere Jacken von der Garderobe holen wollten, da sp\u00fcrte ich diesen Blick auf mir. Wir alle kennen das, wenn jemand einen anschaut und man ganz genau wei\u00df, dass man angeschaut wird. Ich drehte mich um. Und da schaute mich Jonas aus seinen blauen Augen an und l\u00e4chelte. \u201eBrauchst Du noch was Zeit\u201c, raunzte mich die Mitarbeiterin an der Garderobe ab. Ich sch\u00fcttelte den Kopf, gab ihr meine Marke, sie mir daf\u00fcr meine Jacke. Dann schaute ich noch einmal zu Jonas. Er auch zu mir. \u00a0Anne und ich mussten gehen. Wir durften den Zug Richtung D\u00fcsseldorf nicht verpassen.<\/p>\n<p>Jonas war nicht alleine an diesem Abend. Er war in Begleitung einiger anderer Kerle. Manche kannte ich aus zahlreichen Homochats wie auch Marius. Ihn schrieb ich wenige Tage sp\u00e4ter an, ob er mir die Nummer von Jonas geben k\u00f6nne. Konnte er.<\/p>\n<p>Wieder einige Tage vergingen, dann rief ich Jonas an, wir trafen uns in K\u00f6ln. Der Nachmittag war wundersch\u00f6n: Ein Spaziergang durch den Sommer mit k\u00fchlen Getr\u00e4nken und liebevollen Blicken. Der Tag ging, der Abend kam. Und damit ein Abendessen, das im Desaster enden sollte. Da geriet etwas, in diesem Fall ich, au\u00dfer Kontrolle.<\/p>\n<p>\u201eNa, was wirst Du denn in den n\u00e4chsten Wochen so unternehmen\u201c, fragte ich Jonas. Das war nat\u00fcrlich diese strategische Frage bei einem Date, die man stellt, wenn man ausloten m\u00f6chte, ob man sich noch ein weiteres Mal sehen wird. \u201eIch werde am Wochenende in Hamburg sein, bin zu einer Hochzeit eingeladen\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>\u201eOh toll, wie sch\u00f6n, wer heiratet denn?\u201c, fragt ich heuchlerisch. Denn erstens bedeutete das, dass ich Jonas nicht direkt am Wochenende wiedersehen konnte. Zweitens hasste ich Hochzeiten.<\/p>\n<p>\u201eAch ich kenne die beiden gar nicht so gut. Es sind zwei M\u00e4nner, zwei Anw\u00e4lte. Der eine kommt aus D\u00fcsseldorf, der andere wohnt in M\u00fcnchen\u201c, sagte Jonas. Als er mit dem Satz anfing, hatte ich gerade eine Gabel mit Penne Arrabiatta in meinen Mund gesteckt und angefangen zu kauen. Als der Satz beendet wurde, glitt die Nudel gerade in Richtung Kehlkopf und rutsche dann vor Schock in die Luftr\u00f6hre.<\/p>\n<p>Die Nudel tat das, was sich gerade in diesem Moment ereignete. Bei diesem Date ging jetzt etwas in die ganz falsche Richtung und nahm einen ganz falschen Weg. Und meine Nudel im Hals gab mir zu verstehen: Aufstehen, weglaufen, kotzen, atmen, klarkommen, weitermachen. Das einzige, was ich noch am Tisch rausbekam. \u201eBin gleich wieder da\u201c. Dann sprang ich auf, raste zur Toilette. Dort steckte ich mir den Finger in den Hals, tief bis zum Brechreiz und wenige Sekunden sp\u00e4ter lagen die Penne Arrabiata erbrochen in der Klosch\u00fcssel. Ich starrte vor mich hin, auf dieses erbrochene Essen.<\/p>\n<p>Ich ging zur\u00fcck zum Tisch, lie\u00df mir nichts anmerken. Sagte, dass alles wieder in Ordnung sei, ich mich nur unheimlich verschluckt hatte. Wir zahlten die Rechnung, gingen noch ein Bier in einer Bar trinken, dann trennten sich Jonas und meine Wege.<\/p>\n<p>Vierzehn Tage vergingen, immer mit dieser leisen Vorahnung im Kopf: Er ist zur Hochzeit meines Ex-Freundes eingeladen. Oder? Der Mann, der mich monatelang betrogen hatte, bevor er am Telefon mit mir Schluss machte und mir die Schuld f\u00fcr die Trennung gab.<\/p>\n<p>Und die Vorahnung erhielt ihren Beweis bei einem weiteren Treffen mit Jonas. Wir trafen und diesmal bei ihm zu Hause. Ich wollte ihn wiedersehen. Es kribbelte, wenn ich an ihn denken musste. Und ich konnte mir ja immer noch nicht so ganz sicher sein, ob er tats\u00e4chlich meinen Ex kannte.<\/p>\n<p>Wir sa\u00dfen in seinem Wohnzimmer. Er hatte Kaffee gekocht und Kuchen besorgt. Wir unterhielten uns \u00fcber belanglosen Kram: Beruf, Urlaub, Ausstellungen \u2013 die Besonderheiten des Rheinlandes und wie er nach K\u00f6ln kam und warum ich in der Mittelstadt lebe. \u201eIch muss mal zur Toilette. Wo ist die denn?\u201c, fragte ich. \u201eT\u00fcr raus, dann rechts Richtung K\u00fcche, vorher scharf links die T\u00fcr nehmen, da ist das Klo\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>Ich hatte gerade die T\u00fcr aus dem Wohnzimmer heraus passiert, dann blickte ich direkt auf den K\u00fchlschrank in der K\u00fcche. Und da war er, der Beweis: Eine Einladungskarte. Vorne drauf zu sehen war mein Ex mit dem Mann, mit dem er mich betrogen hatte und den er jetzt heiraten wollte. Mein Puls wurde schneller, der Hals hei\u00df, die Beine ein wenig wackelig. Ich ging auf Toilette und schaute in den Spiegel und da war nur diese eine Frage in meinem Kopf: Warum muss ausgerechnet dieser tolle Mann, der im Wohnzimmer nebenan sitzt, den Mann kennen, den ich zu diesem Zeitpunkt am allermeisten verabscheut habe?<\/p>\n<p>Ich ging zur\u00fcck ins Wohnzimmer, setzte mich neben Jonas und bekam kein Wort mehr raus. Jonas r\u00fcckte n\u00e4her, kuschelte sich an mich und gab mir einen Kuss. \u201eJonas, ich muss jetzt nach Hause fahren. Das war ein toller Nachmittag, aber es wird jetzt Zeit f\u00fcr mich\u201c, stammelte ich. Er schaute mich an, die Stirn warf Falten vor Verzweiflung, vor Traurigkeit. Es war dieser Blick, der kaum auszuhalten ist, wenn man ihn sieht. Aus den Augen spricht diese unglaubliche Traurigkeit, die entsteht, wenn man jemandem etwas wegnimmt, was ihm gerade sehr viel bedeutet. \u201eAber ich dachte, wir machen und noch einen sch\u00f6nen Abend, ich hab noch Sekt im K\u00fchlschrank\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>\u201eDu bist s\u00fc\u00df. Aber den k\u00f6nnen wir ja beim n\u00e4chsten Mal trinken. Aber ich muss jetzt wirklich gehen\u201c, sagte ich und dachte nur: Bitte nicht noch einmal zum K\u00fchlschrank. Ich zog meine Schuhe und meine Jacke an, gab Jonas einen allerletzten Kuss.<\/p>\n<p>Tage, Wochen, Monate vergingen. Ich schrieb einen Brief, in dem ich Jonas versucht habe, mich zu erkl\u00e4ren. Es war der \u00fcbliche Inhalt: Dass das alles nichts mit ihm zu tun habe, aber dass ich gerade in einer komischen Phase steckte. Es war die geballte Ladung Floskelm\u00fcll, den man immer von sich l\u00e4sst, weil man meint, dass man damit gut aus der Sache rauskommt und damit der andere sein Gesicht nicht verliert und wieder gerade stehen kann. Aber tief im Herzen wei\u00df man, dass das nicht stimmt. Und dass gerade diese Briefe es nicht gut machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sechs Jahre sp\u00e4ter nagte das schlechte Gewissen immer noch an mir, weil ich diesen Mann so schlecht behandelt hatte, nicht die Wahrheit gesagt habe, warum ich auf einmal gehen musste, warum ich mich nie wieder danach gemeldet habe, warum dieser eigentlich tolle Nachmittag so enden musste \u2013 mit einem allerletzten Kuss.<\/p>\n<p>Ich durchsuchte mein Handy. Und da war sie noch gespeichert, die Nummer von Jonas. Es dauerte noch zwei Wochen, dann gab ich mir einen Ruck und rief an: \u201eHallo\u201c, h\u00f6rte ich ihn. \u201eJonas bist du das? Hier ist Benjamin\u201c, sagte ich. Schweigen am anderen Ende. Ich dachte mir, dass er sich wohl kaum noch erinnern kann. \u201eBenjamin aus Ratingen, vielleicht kennst Du mich noch\u201c, sagte ich.<\/p>\n<p>\u201eAch ja, doch ich erinnere mich. Das ist aber Jahre her. Meine G\u00fcte warum rufst du an\u201c, fragte er.<\/p>\n<p>\u201eJa, wei\u00dft Du Jonas, also es ist wie folgt: Ich habe dir ja damals einen Brief geschrieben und versucht mich zu erkl\u00e4ren, warum ich mich nicht mehr gemeldet habe\u201c, sagte ich.<\/p>\n<p>\u201eStimmt. Das fand ich auch voll toll von Dir. Macht ja nicht jeder\u201c.<\/p>\n<p>\u201eNaja, das war nicht toll Jonas, das war schei\u00dfe, weil es gelogen war. Und es nagt an mir. Der Grund, warum ich damals so schnell ging und mich nicht mehr gemeldet habe, war der, dass Du auf der Hochzeit meines Ex eingeladen warst und ich damit gar nicht umgehen konnte. Das war ein Schock f\u00fcr mich.\u201c<\/p>\n<p>Ich hatte es ausgesprochen, das Herz pochte heftig in meiner Brust.<\/p>\n<p>\u201eMensch Benjamin, das h\u00e4ttest Du mir doch sagen k\u00f6nnen. Warum hast Du das denn nicht gesagt. Ich h\u00e4tte das doch verstanden. Aber ich danke Dir. Wahnsinn von Dir, dass Du das jetzt noch mir sagen wolltest. Ich danke Dir\u201c, sagte Jonas.<\/p>\n<p>Das Herz schlug nun langsamer. Wir unterhielten uns wieder \u00fcber unverf\u00e4ngliche Dinge bis zu seiner Frage: \u201eUnd was ist bei Dir in Sachen Beziehung so los?\u201c<\/p>\n<p>Ich erwiderte: \u201eGar nichts. Ich bin immer noch Single. Du kennst das Spiel ja und wie ist das bei Dir?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch wei\u00dft Du, ich bin seit kurzem mit einem ganz tollen Mann zusammen. Aber ich muss nach zwei Jahren Singledasein mich erst mal wieder an dieses Geborgenheitsding gew\u00f6hnen. Aber es ist schon sch\u00f6n.\u201c<\/p>\n<p>Eine halbe Stunde Telefonat sp\u00e4ter legten wir die H\u00f6rer auf. Damit begannen die gro\u00dfen Liebesgef\u00fchle wie in einem Hollywoodfilm \u2013 nicht f\u00fcr mich, aber f\u00fcr Jonas und seinen neuen Mann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind doch immer die ganz gro\u00dfen Gef\u00fchle, die einem \u00fcberkommen, wenn man ein Gest\u00e4ndnis macht. Wenn man die Wahrheit sagt, wenn man sich traut, die Scham zu \u00fcberwinden. So ist das im Film doch meistens. Und dann gibt es eine Vers\u00f6hnung, N\u00e4he oder Sex, w\u00e4hrend die Bitterkeitstr\u00e4nen noch trocknen. 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